Lost in Moldawien TEIL I

Lost in Moldawien oder: 
Wie ich mein Motorrad lieben lernte.

Mit dem Motorrad ist es wie mit den Beziehungen. Natürlich ist die Schönheit des Partners von nicht unentscheidender Bedeutung.

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Für die Dauerhaftigkeit der Liebe ist es aber von größerer Bedeutung, dass man in der Lage ist, gemeinschaftlich durch Höhen und Tiefen zu gehen, sich aufeinander verlassen kann und auch in der Partnerschaft dem Leben gegenüber neugierig und aufgeschlossen zu bleiben.

Mittlerweile hat meine BMW R100R aus dem Jahre ´92 eine doch angenehme äußerliche Gestalt erhalten.

Für die Bewältigung des Lebens ist das Äußere aber bekanntermaßen nur von geringer Bedeutung. Ob man das gemeinschaftliche Leben auf Dauer wird bewältigen können, testet man am besten, wenn man die noch junge Beziehung einem kleinen Extremtest unterzieht.

In der vergangenen Ausgabe habe ich darüber berichtet, wie aus dem häßlichen Entlein der beginnenden 90er Jahre durch starkes Zupfen am Gefieder zwar noch nicht der schönste Schwan der Gegenwart erwachsen ist, aber doch immerhin ein halbnacktes, scharfes Gerät, dass den Eindruck macht, als könne man mit ihm interessante Zeiten verleben. Besonders wenn man bedenkt, wie wir unsere Beziehung begonnen haben.
(siehe MOT_Magazine 1, 2014)

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Was liegt also näher, als die frische Beziehung gleich zum Start mit einem veritablen Abenteuer zu beginnen? Gemeinschaftlich auf in den wilden Osten!

Frisch aus der Werkstatt kommend, führten mich die ersten 5000 km mit meiner neu gestylten Gummikuh aus dem Jahre 1992 bis an das schwarze Meer und zurück.

Zumindest fast, aber dazu später mehr…

In vielerlei Hinsicht eine Reise in die Vergangenheit. Auch in meine eigene.

Ziel meiner Reise ist Bessarabien, eine kleine Region in der Mitte von Moldawien.

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In Bessarabien wiederum liegt ein kleines Dorf namens Albota. Und in diesem kleinen verlassenen Nest ist mein Vater geboren.

Ein Ort und ein Name, der mich in meiner Jugend begleitet hat. Ein Ort den ich nie gesehen habe, der aber eine Bedeutung für mich hat. Ein Teil von mir, von dem ich eine Vorstellung habe, die ich endlich mit der Realität abgleichen mußte.

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs also: Anfang des 19 Jahrhunderts, am 29. November 1813 erließ der russische Zar Alexander I. ein Manifest, das deutsche Siedler bei einer Ansiedlung in Bessarabien zahlreiche Privilegien versprach. Unter anderem bekamen sie Land geschenkt und zinslose Kredite gewährt. Zudem wurde ihnen garantiert, dass sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft behalten und sich selbst verwalten dürfen. Angelockt von einem eigenständigen, besseren Leben, siedelten die Vorfahren meines Vaters aus dem Schwäbischen um in die unbekannte Weite Bessarabiens.

Im Zuge des 2. Weltkriegs flohen die Deutschen aus Bessarabien „Heim ins Reich“. Mein 14jähriger Vater führte seine Geschwister in einer monatelangen, ziellosen Odyssee durch halb Europa, bis sie in einem kleinen Ort an der norddeutschen Küste, meinem späteren Geburtsort, eine neue Heimat fanden.

Die Geschichten der Flucht, die Fremdheit Bessarabiens, die alten mitgebrachten Bräuche faszinierten mich während der gesamten Kindheit. Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich wissen, wie dieses fremde Land zum Charakter, zur Persönlichkeit meines Vaters beigetragen hat. Und, soviel sei gesagt, am Ende meiner Reise habe ich ihn und somit auch mich besser verstanden.

Ich habe mich mit dem Motorrad auf die Reise gemacht, da ich zumindest ein wenig verstehen wollte, welche Entfernung mein Vater auf seiner Flucht in die Heimat zurück legen mußte. Ich wollte die Regionen sehen, die er vor Jahrzehnten durchquert hat. Ich wollte erleben und erfahren, wie sich Land, Landschaft und Menschen verändern, wenn man auf dem Weg gen Osten ist.

Die beste Art diese Erfahrungen zu machen, ist die Reise mit dem Motorrad.

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Ich hielt es auf dieser Tour aber für unangemessen, dafür ein modernes Reisemotorrad zu verwenden.

Es sollte eine nostalgische Reise werden und ich wollte daher ein nostalgisches Motorrad und eine nostalgische Art des Reisens. Kaum Gepäck, keine vorgeplante Strecke, noch nicht einmal moderne Gore-Tex Bekleidung. Mit einer Lederjacke einer Motorradjeans und der guten, alten Gepäckrolle aus unserem Programm machte ich mich daher auf den Weg gen Osten.

Auf den Weg zu den Wurzeln meines Vaters.

Es sollte die beste, aufregendste, erinnerungswürdigste Tour meines Lebens werden.

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Und sie sollte dazu führen, dass meine BMW R100R uns niemals im Leben wieder trennen werden.

Teil 1: Polen, Ukraine, Moldawien

Thomas Hübner, unser Lieblingshändler aus Cottbus staunt nicht schlecht, als ich mit dem Boxer im Gepäck den Hof schubbere. Da die deutschen Autobahnen doch eher freudlos sind, steht mein neues Gefährt auf der Fahrt nach Cottbus hoch und trocken auf dem Hänger. Thomas ist aus alten DDR-Zeiten mit hohem Wagemut und Improvisationskunst gesegnet, aber mein Plan auf einen 5000 km Trip durch die ehemals sozialistischen Bruderländer mit einem ebenso nostalgischen, wie unerprobten Fahrzeug, führt doch zu anhaltenden Kopfschütteln. Erst recht, als ich ihn bitten muß, daß sein Mechaniker doch noch mal nach der mit Schellen befestigen Gepäckträgerverlängerung schauen möge.

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60min Kopfschütteln, ein paar Schwünge mit dem Schraubenzieher und einen guten Kaffee später mache ich mich auf den Weg zur Grenze.

Gibt es etwas Schöneres, als den Einstieg in das eigene, kleine Abenteuer?

Zeit für etwas Neues! Den fernen europäischen Osten hatte ich noch nie erfahren.