Lost in Moldawien TEIL IV

Da denkt man, die jahrelang gesammelten Kneipenerfahrungen hätten für das Leben nichts gebracht. Dann kommt man nach Moldawien und wird eines Besseren belehrt.
Merke: Fährst du nach Moldawien, dann kanst du was erzählen.

Text und Bilder: Jens Föhl

InDD.indd
Das Dorf am Ziel der Reise.

 

Für die Leser unseres kleinen Reiseberichts, die erst jetzt in die Reihe einsteigen, noch ein sehr kurzes „Was-bisher-geschah“:

Ihr befindet euch an der Stelle, an der mein Nummernschild geklaut wurde, mein Handy verloren war, die deutsche moldawische Botschaft sich eher genervt als hilfsbereit zeigte, die deutschen Zulassungsbehörden sich einer praktikablen Lösung verweigerten, und ich auf zum Teil illegalen Wegen mein Fahrtziel erreicht und im Prinzip dort im moldawischen Nirwana festsaß, weil ich ohne Nummernschild nicht bis zur, geschweige denn über die Grenze kommen würde.

Zumindest nicht ohne mein treues Moped.

Was macht man in solchen Momenten sinnvollerweise? Mann geht am besten erst mal in die Kneipe.

Zunächst aber steh ich hier am Stadtrand von Chisinau und bemerke, dass mir über Nacht mein Nummernschild abhanden gekommen ist. Diese Formulierung ist eher uneindeutig gewählt, da die Ursache für das Abhandenkommen des Nummernschildes ungeklärt ist. Ich schlief in dieser Nacht den Schlaf des gerechten und ermüdeten Motorradfahrers.

Mangels Überwachungskamera gibt es zwei Theorien für den Nummernschildverlust:

A. Das Nummernschild wurde in der Nacht gemeinerweise gestohlen.
B. Es hat sich während der Fahrt auf den gewöhnungsbedürftigen Straßen Moldawiens gelöst und ist schnöde verloren gegangen.

Ich habe mich für Variante A. entschieden, da sie A. dramatischer klingt und B. anderen die Schuld zuweist.

Nachdem ich den Verlust bemerkt habe, bin ich zunächst einmal zurück ins Hotel, habe in Deutschland beim Straßenverkehrsamt („NEIN, eine Zusendung eines Nummernschildes ist aufgrund der Rechtslage nicht möglich, sie müssen hier erscheinen“), bei einer Rechtsanwältin des ADAC („wenn sie verhaftet werden, rufen sie nochmal an“) und der deutschen Botschaft in Chisinau („Sprechen sie durch dieses Panzerglas“) nur sehr bescheidene telefonische Hilfe erhalten und war deshalb ziemlich weinerlich zuwege.

 

InDD.indd
Ein Stück Westeuropa: Klimagekühlt und überteuert.

Ein weiterer Anruf ins Heimatland brachte neuen Kampfesmut. Die beste Frau der Welt, die ohnehin schon maßgeblichen Anteil an das Zustandekommen des schönsten aller Trips hatte, riet mir die gängige Gesetzeslage zu ignorieren und mich einfach ohne Kennzeichnung auf den Weg zum Ziel meiner osteuropäischen Reise zu machen: das kleine bessarabische Dorf Albota.

In Notfällen und beim Navigationssystem sollte man der weiblichen Stimme folgen.

Auch wenn ihr Rat in diesem Fall eher unvernünftiger Natur war. Denn jeder gemeine moldawische Polizist hätte meine nummernschildlose Odyssee jederzeit beenden und das Motorrad im Nirwana der Provinz stilllegen können, wenn ihm danach gewesen wäre, einen deutschen Touri mal zu ärgern. Zu Fuß – mit Motorradstiefel zudem – durch Moldawien, erschien mir nur wenig attraktiv.

Nichtsdestotrotz sattelte ich, im Merkelschen Sinne eher alternativlos, die BMW und machte mich auf die restlichen 140 km nach Albota. Drei Stunden und vier bis fünf kleinere, nicht erwähnenswerte Probleme später fuhr ich nach 3000 km Anreise in das Dörflein meiner Vorfahren ein.

Durch einen kleinen alten Lageplan, der im Haus meiner Großeltern hing, hatte ich eine gewisse Orientierung. Diese wäre allerdings gar nicht nötig gewesen, denn bei der dörflichen Infrastruktur handelte sich ohnehin nur um zwei kleine Straßen, von denen nur eine asphaltiert war.

Aus den Erzählungen meiner Großmutter und meines Vaters hatte ich mir ein toskanisches Dorfbild gebastelt, das bei der Anfahrt in den Ort auch durchaus seine Bestätigung fand.

Im Dorf schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Kleine Datschen, teilweise zerfallen, Hühner und Gänse auf der Straße, Pferd und Wagen als innerörtliches Transportmittel. Ein kleiner „Tante Emma Laden“ als Mittelpunkt und eine aus deutschen Spendengeldern restaurierte Kirche, die augenscheinlich wieder dem Verfall anheim gegeben wurde. Ich kannte diese Kirche aus dem Familienalbum und versuchte anhand ihrer Position das großväterliche Haus zu finden. Da sich in den 70 Jahren, die seit der Flucht der deutschen Bevölkerung in Bessarabien vergangen waren, es sich doch zumindest ein wenig verändert hat und ein(!) weiteres Haus in der in Frage kommenden Straße gebaut wurde, gelang mir dies zunächst nicht.

So machte ich mich auf den Weg, meinen „Gastvater“ für die kommenden Tage auf zu suchen. Da ich nur einen Namen hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als einen Fahrer eines anscheinend behördlichen Fahrzeugs in der Nähe der Kirche zu fragen. Ein etwas heikles Unterfangen, angesichts der Tatsache, dass ich nach wie vor ohne Nummernschild unterwegs war. Um dem Behörden-Mann also meine nummerschildlose Rückansicht zu ersparen, drang ich darauf, dass er mir noch den Weg weisen solle, indem er VORWEG fährt, und ich ihm dann folgen würde.

Da es sich bis zu dem Haus meines Gastvaters dann nur um eine Strecke von cirka 40 m handelte, entwickelte sich dann eine etwas skurrile Szene gemäß dem Film BANG BOOM BANG, in dem Oliver Korittke die 40 m von seinem Haus bis zu seiner Videothek mit dem Auto zurücklegte, um bei der Ankunft dann zu merken, dass man diese Strecke auch hätte laufen können.

Egal, der Behördenvertreter eskortierte mich brav zu meiner Gastfamilie, die mich mit großer Freude und Warmherzigkeit begrüßte, als sei ich ein lang vermisster Freund.

Sie gestanden mir, dass ich unter den zahlreichen Besuchern, die sich das Land ihrer Vorfahren ansehen wollen, der erste sei, der diese Strecke mit dem Motorrad zurückgelegt hatte. Anscheinend beeindruckt von meiner Abenteuerlust zeigte mir der Gastgeber nur kurz das extra für mich frei geräumte Wohnzimmer, das die nächsten beiden Tage meine Bleibe sein sollte und nahm mich dann zu meiner Freude schnurstracks mit in die örtliche Dorf-kneipe.

Ohne dass ich dies ahnte, sollte dort meine Rettung auf mich warten.

 

InDD.indd
Fusel für meine neuen Freunde bei Tante Emma.

Und zwar in Form einer völlig betrunkenen vier-köpfigen Abordnung der ortsansässigen „Hobbyalkoholiker“ (dieses Wort ist nicht meinem Wortschatz entsprungen, sondern stammt aus dem Mund meiner „Gastmutter“, die diese letztendlich treffende Formulierung fand, als wir acht Stunden später, geschätzten zwölf Bier, vier Wein und sechs Wodka von der allerheiligsten Sorte sowie vier(!) Nummernschilder reicher wieder im Haus meiner Gasteltern eintrudelten. Auf mich machte es den Eindruck, als würde sie uns der Abordnung  Hobbyalkoholikern zuordnen. Lag aber wahrscheinlich nur an der mir unbekannten Sprache.)

Ich bin selber auf dem Dorf aufgewachsen und möchte daher das Wort „Dorfkneipe“ genauer definieren. Es handelte sich eher um einen Kolonialwarenladen im Tante-Emma-Stil, der als Umsatzquelle und Service für seine Kunden noch ein paar Holzbänke in den Eingangsbereich gestellt hat.

Dort saßen meine vier neuen Freunde und ließen es sich augenscheinlich gut gehen. Ihre gute Sommerstimmung war daran absehbar, dass sich einer der Vier, der örtlichen Kultur entsprechend, seines Hemdes entledigt hatte und zudem noch auf ein paar Zähne und die Finger der rechten Hand verzichtete. Der rechts neben ihm sitzende Kumpel tat es ihm bis auf die Finger gleich, hatte aber zum Ausgleich eine Kapitänsmütze auf dem Kopf. Auch die anderen beiden Exemplare waren in aufgeräumter Stimmung, was nicht zuletzt an der vor ihnen stehenden Flasche Wodka lag, die – wie ich später feststellte – bei einem Preis von drei Euro liegen sollte.

Ich mochte die Jungs sofort!!

Wie gesagt, ich bin ein Junge vom Dorf und mochte schon immer die in der Orts-Kneipe auffindbare trinkfeste, knobelerfahrene, leicht melancholische Subkultur. Eine Dorfkneipe – zumindest die, bei denen der Wirt ordentlich mit bechert – ist immer ein Hort für wundersame Begegnungen von großer Traurigkeit und Schönheit aber auch Hilfsbereitschaft im Angesicht von menschlicher Not. Dies, so sollte ich feststellen, ist anscheinend ein Universalgesetz. Es gilt für die Kneipen in der moldawischen Provinz ebenso, wie für die Heimatkneipen in der norddeutschen Tiefebene.

Zunächst jedoch setzten wir uns höflicherweise eine Holzbank weiter, denn – auch das kennt man ja – der Promillevorsprung zwischen mir und meinem Gastvater sowie den fantastischen Vier war trotz einer nachmittäglichen Flasche Wein nicht so schnell auf zu holen. Dies spielte bei unserer zurückhaltenden Platzwahl letztendlich eine größere Rolle als die Sprachbarriere.

Als ich auf unserer Holzbank an der Reihe war, die nächste Runde zu spendieren, teilte mir Tante Emma mit, dass sie in absehbarer Zeit schließen würde, was mich auf die immer gute Idee brachte, „auf Vorrat“ einzukaufen. Auch eine international übliche, erprobte gern gesehene Praxis.

Aufgrund der äußerst vorteilhaften Preiskalkulation wollte ich auch die vier Hobbyalkoholiker nicht in den kalten Entzug bringen und spendierte ihnen aus einer Laune heraus eine weitere Flasche von dem Billig-Wodka.

Ich stellte also das Fläschchen auf den Tisch des wackeren Quartetts und machte mich wieder auf den Weg zur Ersatzbank bei meinem Gastvater. Die Begeisterung der vier Originale ob dieser kleinen Geste eines zugereisten Deutschen war so groß, dass sie mit Nachdruck darauf bestanden, das ich mich mit meinem Gastvater zu ihnen setzen solle.

Dieser zögerte zunächst ein wenig. Vielleicht weil er späteren Ärger mit der Gattin befürchtete, gab sich dann aber angesichts meiner leuchtenden Augen einen Ruck, und wir setzten uns zu den liebenswerten Jungs. Als Tante Emma ihren Laden schloss, erlaubte sie uns noch eine weitere Extrabestellung, und dann entwickelte sich ein Sommerabend voller Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Warmherzigkeit.

Die Sprachkenntnisse meines Gastvaters lösten halbwegs das Verständigungsproblem, und so erzählte ich ein wenig über mein Leben in Deutschland, den Grund meiner Reise und den kleinen Abenteuern auf der Tour. Die Jungs erzählten aus ihrem Leben, und da sie trinkfester waren als wir, und wir ihr Getränke-Tempo mitgehen mussten, schloss sich auch immer mehr der zwischen uns liegende Promilleabstand.

Wir saßen dort in dem moldawischen Sommer auf ein paar Holzbänken, es dämmerte und es wurde Nacht, und ich verstand im Laufe dieses Abends ein wenig mehr, warum die Menschen in Bessarabien trotz wirtschaftlicher Not einen glücklichen und ausgeglichenen Eindruck machen. Ich verstand zudem, warum meine Großeltern zeit ihres Lebens eine leichte Melancholie befiel, wenn sie aus ihrem Leben in Bessarabien berichteten.

InDD.indd
Happy Family. Gastfreundschaft, Humor und Zufriedenheit. Egal wer gerade so regiert.


Das Leben erschien mir dort leicht. Klimatisch, und auch gefühlt, ein nicht enden wollender Sommer. Mein Gastvater und meine neuen Freunde erklärten mir nachvollziehbar, dass es ihnen eigentlich egal sei, in welchem System sie lebten und wer sie regierte. Natürlich sei seit dem Fall des Eisernen Vorhangs alles anders geworden und vieles auch besser. Die Jugend würde in die Welt gehen, um dann gerne irgendwann zurück zu kehren. Die Freiheit sei gut. Aber eigentlich wichtig wär es, dass ihr selbst angebautes Obst und Gemüse gut gedeihe, der Sommer lang ist und sie nachts bei hohen Temperaturen auf ihren Holzterrassen schlafen könnten.

Das Leben ist dort in diesem kleinen Dorf ein langsamer, ruhiger stetiger Strom und der Rest, inklusive behördlicher Vorgaben sei, nicht so wichtig: Mein Gastvater fährt einen Golf II mit einem deutschen Kennzeichen aus Essen. Er fährt den Wagen seit zehn Jahren und auf meine Frage hin, warum er denn immer noch in Deutschland angemeldet und versichert sei, schaute er mich angesichts meiner deutschen Kleinkariertheit fragend an: Versicherung? Was denn für eine Versicherung? Steigt ein und fährt los.

Morgen scheint wieder die Sonne, und der selbst angebaute Wein wird reifen.

Auch ein Nummernschild ist nicht so wichtig, denn hier, bitte entspann dich mal du nervöser Deutscher, denn hier löst man das so:

Um 00:30 Uhr berichtet mein Gastvater den fantastischen Vier von meinem kleinen Nummernschildproblem. Sofort greift der Nüchternste zum Hörer und telefoniert in die moldawische Nacht. Ergebnis: Wir mögen uns bei Wassili melden, er würde unser Problem lösen.

Ich verabschiedete also unsere neuen Freunde, ließ den Rest-Wodka leichten Herzens bei ihnen, und ich folgte meinem Gastvater bei vollkommener Dunkelheit und, vorsichtig formuliert, leicht angeschickert Richtung Wassilis Haus.

Es sollte sich heraus stellen, dass er der bei der Geburt getrennte dritte Bruder der Klitschkos sein musste.

Wassili hat eine sehr nette Frau, einen patenten Sohn und einen schönen Trainingsanzug. Und er würde mein Problem lösen.

Mehr dazu in der kommenden Ausgabe.