Lost in Moldawien TEIL III

Amtsdamen im Jogginganzug, ein Kymco-Django und der Frontverlauf im Nirgendwo.
Greetings to Germany. With Love!

Merke: Fährst du nach Moldawien, dann kannst du was erzählen…

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Weite und Einsamkeit. Motorradfahrer in Moldawien.


Stell dir vor, du bist in einem Ort ohne Licht, hast eine ortsüblich stark überhöhte Portion Wodka, Bier und Wein intus, deinen dir unbekannten Trinkbrüdern fehlen Zähne, mehrere Finger, sowie die deutsche Sprache und sie fordern dich auf, um 1:30 Uhr an einer dir fremden Tür nach deinem geklauten Nummernschild zu fragen… und der dritte Klitschko öffnet die Tür.

Na, Herzlichen Glückwunsch, sagst du?
Ja, genau.

Fassen wir die bisherigen Ereignisse aber noch mal kurz zusammen: Um den Heimatort meiner Vorfahren kennen zu lernen, habe ich mich – dank der Initiative der besten Frau der Welt – im Sommer 2013 auf die Schönste aller meiner Reisen begeben. 5000 km zum Schwarzen Meer und wieder zurück. Ausgestattet mit einer Old School BMW aus dem Jahre 1992, spärlichen Gepäck, großer Neugierde und viel Freiheit hatte ich mich in Teil I und II durch Polen und die Ukraine geschlagen und stand jetzt an der Grenze zu Moldawien. Ein kleines Land zwischen der Ukraine und Rumänien. In diesem kleinen Land gibt es eine noch kleinere Region namens Bessarabien mit einem dann wirklich sehr kleinen Dorf namens Albota. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs eine deutsche Enklave, in der meine Großeltern und mein Vater geboren wurden. Dort wollte ich hin, um meinen Vater und – wie ich hoffte und später bemerken sollte – auch mich besser zu verstehen.

Albota liegt nur noch 400 km entfernt. Ob ich es aber erreichen sollte, liegt gerade in den Händen zweier sehr netter behördlicher Damen im „Jogger“, die notorisch und anscheinend anzüglich belästigt werden von einem angetrunkenen russischen LKW Fahrer.

 

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Schon lustig hier an so einer moldawischen Grenze. Mal abgesehen davon, daß es zur Zeit nicht so aussehen würde, als würde ich sie überqueren dürfen. Die Damen sind trotz der an ihrem Häuschen stattfindenden Russendisko blendender Laune. Der Spezialfall des trotteligen deutschen Motorradfahrers bringt Abwechslung in das behördliche Einerlei zwischen Formularen und Anmache.

Ich habe meine grüne Versicherungskarte nicht dabei. Schuld daran ist wie häufig Helmut Kohl.

Zwar kenne ich noch die Zeiten, als man für den holländischen Coffeeshop Besuch seinen Perso vorlegen musste, aber spätestens mit dem Kohl‘schen „Schengen Abkommen“, denkt man ja, daß man mit einem halbwegs akkuraten Haarschnitt jede Grenze der Welt ohne großes Brimborium überqueren darf. Der moldawische Grenzsoldat hatte allerdings bisher weder von „Schengen“ noch von „Helmut Kohl“ jemals etwas gehört und fragte mich nach meiner internationalen Versicherungskarte. Ich glaube, das ist das komische grüne Ding, das man zugesendet bekommt, um es dann an einem nie wieder auffindbaren Ort abzulegen und zu vergessen. So konsequent zu vergessen, daß ich es auch jetzt auf meinem Weg durch 8 osteuropäische Länder nicht dabei habe. Da habe ich es mit der Gewichtseinsparung dann doch übertrieben.

Mittlerweile erfahren mit den osteuropäischen Gegebenheiten ahnte ich aber bereits, daß meine Reise damit nicht beendet sei. Gegen einen kleinen Obolus für die moldawische Staatskasse und/oder die notleidende Familie des leitenden Beamten durfte ich die Grenze zu Fuß überschreiten und mir von den dort befindlichen Damen ein amtliches Schriftstück ausstellen lassen, mit dem ich dann passieren könne.

Genau verstanden habe ich es nicht. Anscheinend wird mir meine Aussage bestätigt, daß mein Motorrad mir gehört und versichert sei. Beides war und ist korrekt. Unkorrekt war allerdings, daß das Schriftstück und auch die Damen nur die kyrillischen Schriftzeichen kannten und die Identifizierung und Übertragung meiner Fahrzeugscheindaten an „Rate mal mit Rosenthal“ erinnerte. Die Stimmung zwischen den Damen und mir war aber auch ohne gemeinsame Sprache hervorragend. Sie waren nach meinem Eindruck davon angetan, daß ein Westeuropäer – nüchtern noch dazu – sie und ihr Land besuchen wollte. Wir dachten uns also ein paar Daten aus für die kyrillische Bestätigung. Sie kicherten und glucksten vor sich hin und bestanden auf eine Abschiedsumarmung und ein -foto. Mit 2 neuen Freundinnen mehr, und € 50,- weniger, durfte ich einreisen.

Ich mag Moldawien schon jetzt.

Zumal sich die Reihung der sympathischen Begegnungen fortsetzte. Ein deutsches Motorrad mit ebensolchem Fahrer wird anscheinend selten gesehen in Moldawien. Jeder, nahezu jeder, der mir auf den einsamen Straßen begegnete, erhob seine Hand zum Gruß. Höhepunkt der ebenso angenehmen, wie meistens skurrilen Begegnungen war Sergej. Unterwegs auf einem umgebauten KYMCO Chopper (!!!) wurde er zunächst von mir überholt. Was nicht weiter schwierig war, da er sich auf seinem seltsamen Gefährt mit allerhöchsten 45 km/h fort zu bewegen pflegte. Meine nächste Pause nutzte er dann, um mit mir Kontakt aufzunehmen. In landestypischer Tradition war er angemessen angetrunken (es war ein Sonntag) und brachte – trotz seines weiterhin wirklich geringen Tempos – erst 20 m hinter mir sein erstaunliches Gefährt zum Stehen. Lässig und zu meiner Überraschung ließ er dann mangels Seitenständer den KYMCO Chopper (!!!) auf den Seitenstreifen fallen und bewegte sich auf mich zu.

 

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Wieder einmal war ich der vorurteilsbeladenen und irrigen Meinung, daß ich nun Ärger bekommen könne, weil man einen moldawisch-russischen Freerider auch bei allergeringstem Tempo nicht überholen dürfe. Zum Glück sah Sergej zwar aus wie ein erfahrener und zäher Kämpfer, war aber doch höchstens im Weltergewicht anzusiedeln. Mithin also 5 Klassen unter mir.

So kam er also mit brennender Zigarette, die er schon während der Fahrt geraucht haben muss, im Django-Style auf mich zu. Trotz des Gewichtsunterschieds ließ ich, angesichts meiner doch sehr geringen Kampferfahrung und seines Chuck-Norris-Auftritts, meinen BMW-Motor feige weiter laufen. Russisch-deutsche Kampfhandlungen gab es schließlich auf moldawischen Boden schon genügende.

Bei mir angekommen fragte er mich freundlich, woher ich kommen würde und schlug mir vor, nachdem ich ihm erklärt habe aus Deutschland zu sein, daß er mir mal die Gegend, zeigen könne. Auf meine Rückfrage, was es denn zu sehen gäbe, antwortet er: Schöne Kirchen und den damaligen Frontverlauf. Besser als nichts, dachte ich und schloss mich dem Kymco-Sergej an, obwohl ich anerkannter Ersatzdienstleister gewesen bin. Da es den aber auch schon nicht mehr gibt, wird mir eine kurze Besichtigung von Feldern und Wiesen von kriegshistorischer Bedeutung aber wohl nicht negativ aus zu legen sein.

Sergej fuhr also vorweg, schmiss von Zeit zu Zeit seinen Kymco-Chopper(!!!) ins Gras, zeigte auf die umliegende, herrlich friedliche Landschaft und erläuterte mir in rudimentärem Englisch Ereignisse, die 70 Jahre zurück lagen. Kriegshistorie ist nicht unbedingt mein Steckenpferd. Was ich an der Situation aber mochte, war ihre Einfachheit und Normalität. Ich fragte mich die ganze Zeit, warum eine solche Szene unter umgekehrten Vorzeichen leider undenkbar wäre?

Ich denke nicht, daß ich einen in Deutschland einsam reisenden Motorradfahrer unaufgefordert fragen würde, woher er käme und ob ich ihn für kurze Zeit begleiten dürfte. Ich fand es schade, daß wir diese Eigenschaft in unserer auf Effizienz und staatliche Versorgung ausgerichtete Gesellschaft verloren haben zu scheinen und nahm mir vor, in einem vergleichbaren Fall in Deutschland ähnlich zu agieren, wie mein neuer Freund Sergej.

Ich begleitete ihn 2-3 Stunden und einzig die Tatsache, daß er der langsamste Motorradfahrer der Welt war (Kymco Chopper!!!) und ich noch im Laufe des Tages die moldawische Hauptstadt Chisineau erreichen wollte, hielt mich davon ab, ihn zu sich nach Haus zu begleiten, so wie er es mir angeboten hatte.

Ich erklärte ihm, daß ich leider weiter müsse, er akzeptierte natürlich, bestand aber darauf, daß ich für Deutschland(!) noch eine Videobotschaft aufnehmen solle.

Ich zog mein iPhone, startete die Aufnahmefunktion und Sergej sagte so lässig, wie es wohl nur an einem angetrunkenen Sonntagnachmittag möglich ist: „This is Sergej. Warm greetings from Moldawia to Germany – dramaturgische Pause – with love!!“

Ich versprach ihm, dies den Deutschen genauso mitzuteilen, was hiermit geschehen ist, und verabschiedete mich von einem ihm, diesem feinen, freundlichen Django, der wieder einmal alle meine dummen Vorurteile lächerlich und peinlich hat wirken lassen.

Durch eine fantastisch einsame Landschaft und die einbrechende Dunkelheit führte mich mein weiterer Weg dann nach Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens.

 

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Wenn nichts mehr schief ginge, würde ich am nächsten Morgen Albota, das Ziel meiner Reise, erreichen. Das noch etwas schief ging, habe ich bereits in Teil II meiner kleinen Reisebeschreibung geschildert.

Nach einem erholsamen Schlaf und einem guten Frühstück wollte ich mich auf die letzten 120 km meines kleinen Trips machen und betrat motiviert und gut gelaunt den Hotel-Parkplatz. Ein Nummernschild ist irgendwie, wie die kleine Schwester. Man merkt erst, was einem etwas bedeutet, wenn es fehlt.

ES WAR WEG!

Wo es einstmals sehr wenig beachtet saß, hing jetzt nur noch traurig das Kabel für die Beleuchtung. Nach 2 unterhaltsamen, aber wenig hilfreichen Telefonaten mit der deutschen Zulassungsstelle und Deutschlands witzigster ADAC Juristin (siehe Teil II), machte ich mich per Taxi auf den Weg zur deutschen Botschaft, um mir dort bescheinigen zu lassen, daß mein Nummernschild zwar weg, aber das Fahrzeug durchaus in meinem Besitz und versichert sei.

 

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Meinen einzigen Kontakt zur deutschen Botschaften hatte ich bisher in Paris:

Als jugendlicher Naivling hatte ich mich mit meinem besten Freund auf einer (!) Honda XL 500R bei absurd schlechtem Aprilwetter auf den Weg nach Paris gemacht und wurde in einem Viertel, indem wir auch wirklich nichts zu suchen hatten, cirka 2 Stunden nach unserer Ankunft berechtigterweise ausgeraubt. Uns wurde sämtliches Bargeld gestohlen. Und da dies noch vor der Allgegenwart internationaler Geldautomaten war, sahen wir uns gezwungen, die deutsche Botschaft zu konsultieren, um mir dort als deutscher Staatsbürger einen Teil meiner bis dahin noch nicht gezahlten Steuergelder pumpen zu können. Zwar war dieser einfache Plan so nicht umsetzbar, aber man empfing mich an dieser Botschaft äußerst hilfsbereit, freundlich und zuvorkommend, gab mir durchgehend das Gefühl, daß man sich um meine kleinen (Geld)Sorgen kümmern würde und erlaubte mir, meine Eltern anzurufen, um eine Geldüberweisung per Post zu veranlassen. Das meine Eltern der Meinung waren, ich würde mich in Bielefeld (gibt es ja angeblich nicht) aufhalten und angesichts des Anrufs des Assistenten des deutschen Botschafters in Paris etwas irritiert reagierten, sei nur am Rande erwähnt. Die Kohle kam trotzdem und wir ließen aus Freude über diese Rettung gleich die Hälfte der Summe in dem der Post gegenüber liegenden Pinte. Im Ergebnis mussten wir mit reduziertem Tempo zurück nach Deutschland fahren, damit die Restkohle für das Benzin reicht. Während mein Kumpel auf dem Soziusplatz schlief (gesichert mit einem Spanngurt) verfuhr ich mich dann bei absurdem Aprilregen in Belgien. Unsere Freundschaft überlebte das nur knapp.

Eigentlich will ich aber nur sagen: ich hatte meine bisher einzige Begegnung mit einer deutschen Botschaft (der deutschen Botschaft in Paris) in wirklich allerfeinster Erinnerung.

Nach Moldawien werden aber anscheinend nur die wirklich misanthropischen Diplomaten versetzt. In der Erwartung in meiner Not ein wenig staatsbürgerliche Wärme und Hilfe zu erhalten, traf ich dort auf die unfreundlichsten Personen während meiner gesamten Reise. Durch ein Panzerglas(!) durfte ich -„bitte schnell, wir haben noch Anderes zu tun“- mein Begehr äußern. Nach einiger Diskussion wurde mir dann zwar zugesagt, daß man mir eine Bestätigung ausstellen würde, dies aber allerdings 3 Tage in Anspruch nehmen würde. Nach meiner Intervention, wurde diese Zeit dann auf 6 Stunden verkürzt. Was ich, angesichts der Tatsache, daß für jede der zu schreibenden Zeilen 2 Stunden angesetzt wurden, immer noch nicht wenig fand. Sicherlich hat Botschaftspersonal wichtigeres zu erledigen. Aber wenn sich dann schon mal ein kleiner Bürger nach Moldawien verirrt und Hilfe benötigt, wäre ein Tässchen Kaffee und eine freundliche Behandlung des Anliegens doch angenehm. Ich verbrachte die 6 Stunden auf einer Parkbank VOR der Botschaft. Naja.

 

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Das Ziel der Reise naht. Moldawien bei Nacht. Ohne Nummernschild und Durchblick Richtung Hauptstadt.

Mit dem Schreiben in der Tasche machte ich mich dann mit einem Tag Verzögerung auf den Weg nach Albota. Die ADAC-Dame hat vermutet, daß ich sofort von der Polizei gestoppt werden würde, wenn das Fehlen meines Nummernschilds auffallen würde. Das Fahrzeug würde dann stillgelegt werden. Zudem hatte ich auch keine Ahnung, wie ich die noch ausstehenden 5 osteuropäischen Grenzen ohne Nummernschild überqueren werden kann. Erst einmal wollte ich aber zum Heimatort meiner Vorfahren und irgendwie, so hatte ich mittlerweile auf meinen Reisen gelernt, wird es dann schon weitergehen.

Leider habe ich mich jetzt soweit verplappert, daß meine neuen Trinkbrüder und der 3. Bruder der Klitschkos erst in Teil IV erscheinen wird. Ebenso wie die Lösung für das kleine Nummernschild-Grenzproblem.

Ich hoffe, ihr habt Verständnis.