Lost in Moldawien TEIL II

Der deutsche Zulassungsbeamte, lustige Juristinnen, nette Rezeptionistinnen, dumme, dumme Autoren und die ersten Tränen seit der 4. Klasse. Merke: Fährst du nach Moldawien, dann kannst du was erzählen…

Text und Fotos: Jens Föhl

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Ich (Anruf beim ADAC): „Man hat mir mein Nummernschild geklaut. Was kann ich jetzt tun?“

ADAC Telefontante: „Wo sind sie denn jetzt?“

Ich: „In Moldawien“.

Sie: „Oh, ich stell sie mal durch“.

ADAC Juristin: „Hallo“.

Ich: „Ja, hallo, man hat mir mein Nummernschild geklaut. Was kann ich jetzt tun?“

Sie: Wo sind sie denn jetzt?“

Ich: „In Moldawien.“

Sie: „Oh.“

Da der komplette Dialog zu langatmig wäre für unser kleines Heft, fasse ich den weiteren Dialog in verkürzter Form zusammen: Die Ausgangslage für das irritierend entspannte Gespräch mit der ADAC Anwältin ist dabei folgende: In der Nacht hatte man mir in der moldawischen Hauptstadt Chisinau aus eher unerfindlichen Gründen das Nummernschild geklaut. Das ist besonders unangenehm, da ein Motorrad bekanntermaßen nur ein Nummernschild hat, und dieser schöne sonnige Tag mich eigentlich noch im Laufe des Vormittags zu meinem Ziel nach Albota, einem kleinen, für einen Großteil der Weltbevölkerung völlig unerheblichen Dorf in der moldawischen Region Bessarabien hätte führen sollen. Zu den Beweggründen für dieses seltsame Ziel später mehr.

Vor dem Gespräch mit der Anwältin hatte ich bereits mit einem besonders rechtssicheren Zweigstellenleiter der Zulassungstelle meines Heimatortes telefoniert. Der mir im unangenehmen Unteroffizierstonfall sehr deutlich machte, dass er sehr selten ein solch schwachsinniges Anliegen, wie das meine gehört hätte. Ich hatte ihn lediglich gefragt, ob es möglich wäre, der besten Frau der Welt ein mit deutschen Hoheitszeichen versehenes Ersatznummernschild mit auf den Weg zu geben, wenn sie sich in 5 Tagen per Flugzeug auf den Weg an die Schwarzmeerküste machen würde. Ich hatte zwar noch keinen überzeugenden Plan, wie ich ohne Kennzeichen nach Bulgarien gelangen sollte, aber immerhin hätte ich dann eine Lösung für die weiteren 5 osteuropäischen Länder, die ich noch durchqueren wollte, und an deren Grenze mein Nummernschild erfahrungsgemäß kontrolliert werden würde.

Der Zulassungsmann war aber wenig hilfsbereit und hat mir, in meine weinerlichen Anmerkungen über meine Notlage hinein, unter Verwendung der in diesen Fällen üblichen Standardformulierungen „wie stellen sie sich das vor, wenn da jeder kommen würde“ den entsprechende Paragraphen aus dem Reichsgesetz zur Vergabe von Kraftradkennzeichen aus den Vorkriegsjahren frei zitiert und hat dann die Telefonvermittlungsstelle die Verbindung unterbrechen lassen.

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Meine Reise fand statt, bevor der vermeintlich verläßliche ADAC seine Auto-Hitlisten gewürfelt und gefälscht hatte. In dem damaligen Gottvertrauen gegenüber den „gelben Engeln,“ habe ich dann in meiner Not den ADAC angerufen und wurde zu der Juristin mit dem wahrscheinlichen Studienschwerpunkt „Verkehrsrecht“ durchgestellt. Schon nach meinen ersten verweinten Erläuterungen machte sie mir klar, dass ihr Studienschwerpunkt nicht das moldawische sondern das deutsche Verkehrsrecht wäre. Ich war nicht ernsthaft überrascht, aber doch still enttäuscht. Meine Enttäuschung ob ihrer falschen Studienwahl ignorierend, schob sie dann noch hinterher, dass „Moldawien ja auch ziemlich weit weg wäre“ und was ich denn dort überhaupt mache? Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass sie mit ihrer Aussage („weit weg“) recht hätte und ich mir ihre Frage („was machen sie dort eigentlich“) auch gerade stellen würde.

Abstrahierend vom deutschen Verkehrsrecht gab sie mir den Rat, die Polizei zu rufen. Meinen Hinweis, dass die Polizisten in Moldawien nicht gerade wie „Freunde und Helfer bzw. Bürger in Uniform“ aussehen würden, was in erster Linie wohl an ihren umgehängten Maschinengewehren liegen könne, blieb unbeantwortet. Auf meine daran anschließende Frage, was die Polizisten denn tun würden, wenn ich sie riefe, sagte sie mit der üblichen juristischen Kühle: „Wenn in Moldawien die gleichen Rechtsprinzipien gelten würden wie in Deutschland, dann werden sie das Motorrad still legen“. In mein Schweigen hinein, erläuterte sie dann noch, dass ein Motorrad ja nur ein Nummernschild habe und wenn dieses geklaut werden würde, ja keinerlei Kennzeichnung mehr hätte, und deshalb nicht mehr bewegt werden dürfte. Ihre Ausgangsthese (Motorrad hat 1 Nummernschild) war mir nicht gänzlich unbekannt, über ihre Folgerungen für den Fall eines Diebstahls (O Nummerschilder = Stilllegung) hatte ich aber offen gestanden erstmals heute morgen intensiver nachgedacht.

Eine Stilllegung in Moldawien wäre auch angesichts der Unflexibilität des heimatlichen KFZ-Zulassungswärters eher suboptimal. Dies teilte ich der Juristin so mit, und deutete dann ihr darauf folgendes Schweigen zu meinem kriminellen Plan „Fahren ohne Kennzeichnung“ als stille Zustimmung, ohne sich haftbar machen.

Ich fragte sie dann, ob sie eine Idee hätte, was ich tun könne, wenn ich es trotz der überdurchschnittlichen Polizeipräsenz in Moldawien noch bis an die Grenze schaffen würde, an der ja mein Nummernschild gecheckt und sein Fehlen zumindest dem aufmerksamen Grenzsöldner auffallen würde. Sie riet mir, nicht ohne zu erwähnen, dass dies juristisch nicht gedeckt und sie diese so nie gesagt habe, dass ich den Grenzbeamten bestechen solle.

In diesen Dingen eher unerfahren, stellte ich die zugegebenermaßen nicht gerade weltmännische Frage, wie man denn solch eine Bestechung am besten durchführen könne? Ihre naheliegende Antwort: „Möglichst unauffällig“.

Nun gut, wer dumm fragt, bekommt dumme Antworten. Was mich aber in meiner Not nicht davon abhielt noch zu fragen, was ich denn tun solle, wenn der Grenzbeamte mich wegen eben dieses Bestechungsversuchs verhaften würde.
„Dann rufen Sie wieder an“.

An dieser Stelle mochte ich die mir unbekannte Juristin sehr, weil mir – auch und gerade in schwierigen Situationen des Lebens – Humor sehr gefällt. Das unpässliche an der Situation war nur, dass ich es war, der in Schwierigkeiten steckte. Trotzdem erkannte ich, dass dieses Gespräch zu den unnötigen gehörte, bedankte mich höflich, legte auf und weinte dann ein wenig. Die Juristin wünschte mir abschließend noch viel Glück. Ich mir auch.

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Motorradreisen dienen ja in den besten Fällen der Persönlichkeitsbildung. Auf dieser Reise habe ich wiederholt vermittelt bekommen, dass es für jede Situation des Lebens eine Lösung gibt. Der beste Schulungsort für diese wichtige Lebens-Erkenntnis scheint mir wirklich Osteuropa zu sein. In wirtschaftlicher Not haben die Menschen Zeit ihres Lebens gelernt, zu improvisieren und kreative Lösungen zu finden. Ein angenehmer Nebeneffekt dieses Umgangs mit dem Mangel, ist es, dass der Osteuropäer den Widrigkeiten des Lebens entspannter gegenüber steht. Er hat verinnerlicht, dass selbst das kommunistische System nicht verhindern konnte, dass er mit seinen Mitmenschen eine Lösung findet. Im Zweifelsfall hilft ein wenig oder viel Wodka, Kreativität und der Kontakt zu den richtigen Personen. Auf eben diese Weise sollte auch mein Kennzeichen Problem gelöst werden.

Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für mich sollte sich erst einmal das sogenannte „Kobra-Wegmann-Axiom“ gelten. Seines Zeichens immerhin 4facher Nationalspieler: „Erst einmal haste kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu“. Ich sollte mich selbst noch weiter in den Schlamassel reiten.

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Erst einmal ging es aber darum, mein Kennzeichen Problem zu lösen oder doch wenigstens zu mildern. Die moldawische Stilllegungspolizei zu holen, war keine wirkliche Alternative. Ohne jeden Nachweis, dass das von mir gefahrene Motorrad auch mir gehörte und berechtigterweise bewegt werden durfte, durch weitere 7 osteuropäische Länder zu fahren, wäre doch eher suboptimal.

Was kann helfen in der unbekannten Ferne: Die deutsche Botschaft. Zum Glück war ich in Chisinau. Man muss in der Schule schon sehr aufgepaßt haben, um zu wissen, dass dies die Hauptstadt Moldawiens ist, und eben dort auch die deutsche Botschaft angesiedelt ist. Ein eher seltenes Wissen, auch weil es das Land zu meiner Schulzeit noch gar nicht gab.

Ich rief mir also ein Taxi und ließ mich zur deutschen Botschaft kutschieren. In einem seltenen Anfall von Mißtrauen baute ich mein Garmin ZUMO 500 vom Moped ab, um den wahrscheinlich linkischen Taxifahrer zu signalisieren, dass ich, bzw. mein ZUMO Navigationsgerät, den DIREKTEN Weg zur Botschaft kennen würde und er deshalb gar nicht die teure Touristen-Umweg-Reinleg-Strecke nehmen bräuchte. Der sehr nette Taxifahrer fuhr letztendlich eine schnellere Verbindung als mein Navi anzeigte. Wahrscheinlich gibt es die Reinlegtricks in Moldawien nicht, weil es dort keine Touristen gibt, die man reinlegen könnte. Vielleicht bedingt sich beides tatsächlich wechselseitig.

Naja, entgegen meiner albernen Befürchtung und Vorurteilen haben sich ALLE Personen, die ich in Osteuropa traf als sehr aufgeschlossen, hilfsbereit neugierig und kontaktfreudig erwiesen. In Polen zum Beispiel nahmen 2 Motorradfahrer einen 70 km Umweg in Kauf, um mir den Weg zu weisen. In der Ukraine traf ich zwar niemanden der nüchtern war, dafür aber viele, die mein deutsches Nummernschild (als ich es noch hatte) und das deutsche Fabrikat erkannten und mir mit radebrechenden Englisch ihre Begeisterung über mein Interesse an ihrem Land zum Ausdruck brachten.

Kleine Begebenheit aus der Ukraine, die zum Zeitpunkt meiner Reise übrigens noch weit entfernt war von dem irrsinnigen kriegerischen Auseinandersetzungen des Jahres 2014/2015. Bei meiner ersten Übernachtung durfte ich an einer im Ballsaal stattfindenden Hochzeit teilnehmen. Mit Lederjacke und verdreckter Hose, nicht gerade in dem verbreiteten Dresscode, bei der Wodka-Trinkfrequenz aber durchaus für cirka 1 Stunde auf Augenhöhe.

Am darauf folgenden Tag tankte ich leicht verkatert an einer der rar gesäten, aber schon fast surreal modernen Tankstelle. An meiner Zapfsäule ein Lada mit offener Tür. An einem billigen Plastik-Stehtisch im Freien 2 Personen um die 40 Jahre mit einer ebensolchen Promillezahl.

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Der Plastikstehtisch an dem sie sich festhielten schwankte mit ihnen im Rythmus. Ich war an meine eigene Jugend erinnert und daher beeindruckt von ihrem Durchhaltevermögen, denn es war bereits 8:00 Uhr morgens. Aufgrund der leidlichen Erfahrungen meiner eigenen Jugend war ich in der irrigen Annahme, dass sie sich auf dem Fußmarsch nach Hause an der Tanke noch einen Absacker gönnten, um den Abend „Paroli laufen zu lassen“ (Horst Hrubesch, 21facher Nationalspieler und Angler). Zwar war weit und breit keine Dorfdisko zu sehen, aus der sie hätten zu Feierabend raus geschmissen werden können, aber das einer der beiden Haubitzen der Fahrer des Ladas sein könnte, kam mir erst in den Sinn, als ich, an der Zapfsäule stehend, mit ansehen mußte, wie sie eben diesen bestiegen und ohne die Tür zu schließen den Plastiktisch umnagelten. Es gehört zum Gleichmut der slawischen Seele, dass ich der einzige Tankstellenbesucher war, der dies für eine inszenierte Szene aus einem Ari Kurismaki Film hielt. Ein weiterer Tankgast, die Kassiererin und auch der Tankwart gingen unbeirrt und unbeeindruckt von der Performance weiter ihrer Tagesaufgabe nach. Bei dem Tankwart irritierte mich allerdings doppelt, dass er seiner Aufgabe der Betankung nicht nachkommen wollte, obwohl ich den Tankdeckel bereits geöffnet hatte. Nachdem die beiden Alkoholleichen in ihrem Lada nach einer kurzen, aber spektakulären Ehrenrunde die Tankstellen-Ausfahrt gefunden hatten, schaute er mich unendlich lange 30 Sekunden an.
Da ich auch nichts besseres zu tun wußte, schaute ich zurück.

Die Lösung der Situation führte dann ein freundlicher, angetrunkener Herr mit polnischen Wurzeln und leidlichen Englischkenntnissen herbei. Er klärte mich auf, dass es zu den ukrainischen Gepflogenheiten gehöre, ERST zu bezahlen und dann betankt werden.
Ok, muß einem ja nur mal gesagt werden…

Brav ging ich also zum Kassenbereich, der zu meiner Verwunderung ebenso mit überteuerten Snickers, belegten Brötchen und irrwitzigen Kaffeepreisen ausgestattet war, wie seine deutschen Artgenossen. Mittels Zeichensprache und meinem neuen polnisch-ukrainischen Gehilfen teilte ich der mütterlichen Kassiererin mit, dass ich für 20 Liter tanken wolle und reichte ihr die Kreditkarte. Kaum gezahlt, verrichtete der stumme Tankwart sein Werk.

Ich saß schon wieder auf dem Motorrad, als die Ukrainerin, übrigens die einzig nüchterne Person, die ich in der Ukraine traf (es war allerdings auch ein Wochenende), hinter ihrem Tresen hervor stürmte und mich mit deutlichen Gesten an der Weiterfahrt hinderte. Mein Schul-Ukrainisch reichte leider nicht aus, um ihr Begehr zu entschlüsseln. Es machte aber den Eindruck, als hätte es irgendwas mit meinem Zahlungsvorgang zu tun. Zum Glück konnte ich wieder auf meinen sympathsichen Polen/Ukrainer zurück greifen, der von seiner frühmorgendlichen Stammtischrunde zu mir eilte und mir erklärte, dass ich noch mal zurück zur Kasse müsse, da ich eine Rückzahlung von 82 Cent zu erwarten habe. In meinen Tank paßten keine 20 Liter, sondern nur 20 Liter minus 82 Cent. Ich hatte also zuviel bezahlt. Mit der Gründlichkeit einer  deutschen Finanzbeamtin, zahlte mir die Kassiererin die 82 Cent in ukrainischer Währung und bar aus.

Beeindruckt und zugleich leicht beschämt, setzte ich meine Reise ins Ungewisse fort. Denn es zeigte sich an diesem Beispiel, wie auch auf der ganzen Reise, daß sämtliche meiner latenten Vorurteile unbegründet waren. Bei allen Personen, denen ich auf meiner Fahrt begegnete, waren Aufmerksamkeit, Nettigkeit und Hilfsbereitschaft ungewöhnlich ausgeprägt. Es waren sehr häufig beeindruckende, erinnerungswürdige Begegnungen mit Menschen, denen man diese Charaktereigenschaften auf dem ersten Blick nicht zugetraut hätte.

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Meine Nummernschild Misere zum Beispiel wurde behoben von einem total betrunkenen Trupp von Dorfalkoholikern. Alle mit freiem Oberkörper, einer ohne einen Finger an der rechten Hand, ein weiterer nahezu ohne Zähne und der Dritte im Bunde seit Jahrzehnten mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf, ohne das entsprechende Patent zu besitzen. Sie alle hatten noch mehr Herzenswärme als Promille und halfen mir auf überraschende Weise auf moldawische Art. Und am Ende beschenkten sie mich noch dafür.

Alles wird gut. Aber dazu mehr in Teil III: