Der Wilde Westen Tasmaniens

Auf den Spuren des alten Kontinents Gondwana erkunden wir den dichten Regenwald im westlichen Tasmanien und folgen dabei dem weißen Funkeln des „Western Explorer“.

 

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Text: Bettina Höbenreich
Bilder: Helmut Koch und Bettina Höbenreich

Die kleine Hafenstadt Strahan an der Westküste Tasmaniens ist der Ausgangsort für unsere bevorstehende Motorradtour durch den Wilden Westen Tasmaniens.

Dass der beschauliche Fischerort Strahan Australiens regenreichster Ort sein soll, können wir bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen um die 25 Grad gar nicht glauben, und so lassen wir es erst einmal etwas ruhiger angehen und schlendern ein wenig an der Uferpromenade entlang.

Noch heute spürt man den Einfluss der englischen Kolonialzeit deutlich, was vor allem an den vielen gut erhaltenen Gebäuden aus dem späten 19. Jahrhundert liegt, die sich entlang des Macquarie Hafens aneinander reihen.

Einige wohl gepflegte Oldtimer, die ebenfalls das schöne Wetter ausnutzen und sich an der Uferpromenade versammelt haben, tun ihr Übriges.

Zu lange wollen wir uns hier jedoch nicht aufhalten, zieht es uns doch in die Wildnis des westlichen Tasmaniens.

Nur unsere Motorräder müssen wir noch einmal volltanken, denn in Strahan befindet sich die letzte Tankstelle für die nächsten 215 Kilometer. Die Asphaltstraße, die uns Richtung Norden führt, schlängelt sich in sanften Kurven und Steigungen immer an der alten Eisenbahnstrecke zwischen Strahan und Zeehan entlang, und wir genießen die Fahrt bei herrlichem Sommerwetter in vollen Zügen.

Am Abend schlagen wir unser Nachtlager gut versteckt im Dickicht des Waldes direkt am Ufer des Henty River auf. Wir sind umgeben von majestätischen, bis zu 3.000 Jahre alten Huon-Kiefern, einer der langlebigsten Baumarten dieses Planeten, deren dunkelgrünes Blätterdach uns Schatten spendet. Außerdem funktionieren wir einen flachen Felsbrocken kurzerhand in einen Tisch um, um unser Abendessen zuzubereiten.

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Als die Sonne am Horizont untergeht, taucht sie die Wolken am Himmel und den dichten Regenwald, der das Ufer des Henty River säumt, in rosa Dämmerlicht, das von der absolut ruhigen Oberfläche des Flusses wie ein Spiegel reflektiert wird.

Bereits früh am nächsten Morgen sind wir wieder auf der Straße. In der Ferne sehen wir Mount Zeehan und Mount Heemskirk vorbeiziehen, bevor die Landschaft immer flacher und weitläufiger wird. Erst einige Kilometer vor dem kleinen Örtchen Corinna wird der Wald wieder dichter und drängt sich als immergrüne Mauer bis and die immer schmaler und kurviger werdende Straße heran.

Kurz vor Corinna müssen wir dann den Pieman River überqueren, was an sich ja nichts Besonderes wäre… wenn es denn eine Brücke geben würde.

Da sich aber nur sehr wenige Fahrzeuge in diesen abgelegenen Winkel Tasmaniens verirren, rentiert es sich nicht, eine Brücke über den Fluss zu bauen, und so müssen wir den Fluss mit Hilfe eines Frachtkahns überqueren, der an einem dicken Stahlkabel von einer Seite des Ufers auf die andere gezogen wird.

Der Kahn ist täglich von 9:00 Uhr bis 19:00 Uhr in Betrieb, kostet 10 Australische Dollar pro Motorrad und muss per Knopfdruck erst einmal vom anderen Ufer gerufen werden. Kaum hat man den Knopf betätigt, ertönt ein Signal, das dem Kapitän, einem jungen Burschen der, wenn er nicht gerade eine Überfahrt hat, im nahegelegenen Pub arbeitet, signalisiert, dass er Kundschaft hat. Dann dauert es noch einmal ein paar Minuten, bis sich der Frachtkahn, von den Einheimischen liebevoll „The Fat Man“ genannt, in Bewegung setzt.

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Während des großen Goldrausches in Tasmanien im späten 19. Jahrhundert war Corinna ein lebendiges Handelszentrum und vielgenutzter Hafen, um die gefundenen Goldnuggets abzutransportieren, und angeblich wurde in einem Fluss nur unweit nördlich von Corinna einst ein über 7 kg schwerer Goldnugget gefunden.

Heute dient Corinna als Ausgangspunkt für Touristen, die auf dem „Western Explorer“ die Tasmanische Wildnis erkunden wollen oder eine entspannte Kreuzfahrt auf dem Pieman River machen wollen.

Ab Corinna ist es dann soweit, die schmale Asphaltstraße geht in eine Schotterpiste aus strahlend weißem Granulat über, die uns die nächsten gut 120 Kilometer durch die einsame Wildnis Tasmaniens führen wird.

Die Piste ist stellenweise recht schmal und kurvenreich, doch der Schotter ist bis auf wenige Ausnahmen relativ kompakt und daher auch mit unseren schwer beladenen Reiseenduros sehr gut zu befahren. Dank spätsommerlicher Temperaturen um die 25 Grad macht die Strecke richtig Laune und wir lassen es ein paar Mal so richtig stauben.

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Trotz unserer Begeisterung für Strecke und Landschaft müssen wir uns etwas bremsen, denn die Australier in ihren dicken Allradfahrzeugen schießen oftmals mit über 100 km/h um die teilweise recht engen Kurven, da sie nicht mit entgegenkommenden Motorrädern rechnen, was unter Umständen zu wirklich brenzligen Situationen führen kann.

Eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft schlängelt sich die strahlend weiße und durch das einfallende Sonnenlicht geradezu funkelnde Piste durch die Landschaft. Die einzigartige, helle Farbe der Strecke kommt vom siliziumhaltigen Sand, der in einer nahegelegenen Mine abgebaut wird, und wenn er nicht zur Weiterverarbeitung nach China und Japan verkauft wird, zur Befestigung der Piste benutzt wird.

So unendlich und dicht das satte Dunkelgrün des umliegenden Regenwaldes auch auf den ersten Blick erscheinen mag, so empfindlich ist dieses Ökosystem doch. Immer wieder passieren wir riesige Gebiete mit abgestorbenen Bäumen, die wie dürre, weiße Gerippe komplette Berghänge überziehen. Ursache für die vielen Baumleichen ist ein verheerender Waldbrand, der im Jahr 2008 unglaubliche 17.000 Hektar Regenwald im Westen Tasmaniens vernichtete, bevor er eingedämmt werden konnte.

Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang finden wir am Ufer des Lindsey River, versteckt hinter einigem Buschwerk, den perfekten Zeltplatz für die bevorstehende Nacht. Als die Sonne am Horizont versinkt, und das letzte Vogelgezwitscher des heutigen Tages verstummt, wird es absolut still um uns herum. Außer dem Rascheln der Blätter im Wind und dem Knistern unseres Lagerfeuers sind wir eingehüllt in eine unglaublichen Ruhe, die es uns erst so richtig bewusst werden lässt, dass wir umgeben sind von vielen hundert Kilometern dichtem Regenwald, die uns von der sonst so allgegenwärtigen Zivilisation trennen, und uns eins werden lassen mit der unberührten, ursprünglichen Natur um uns herum.

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Als wir uns am nächsten Morgen auf den dritten Teil unserer Etappe durch den Wilden Westen Tasmaniens machen, ist das Wetter leider nicht mehr so einladend wie in den letzten Tagen. Dicke graue Wolken hängen am Himmel, und so hoffen wir, dass wir den restlichen Teil der Offroad-Strecke noch trockenen Fußes, oder vielmehr trockenen Reifens, zurücklegen können.

Vom Lindsey River geht es heute weiter durch die sogenannte „Tarkine Wilderness Area“ in Richtung Couta Rocks. Die „Tarkine Wilderness Area“ beschreibt ein knapp 450.000 Hektar großes Gebiet gemäßigten Regenwalds im Nordwesten Tasmaniens, das durch seinen unglaublichen Tier- und Pflanzenreichtum beeindruckt, was direkt auf das Erbe des Urkontinents Gondwana vor über 200 Millionen Jahren zurückzuführen ist.

Außerdem findet man in diesem Gebiet eine der größten Ansammlungen heiliger Kultstätten der Tarkiner-Aborigines, die den Westen Tasmaniens bereits vor über 30.000 Jahren bevölkerten.

Über Couta Rocks führt unser Weg an die Westküste Tasmaniens, genauer gesagt zum Gardiner Point in Arthur River, wo wir tatsächlich „The Edge of the World“, das „Ende der Welt“, erreicht haben. Warum das? Der Indische Ozean, der sich westlich von Tasmanien erstreckt, ist die längste ununterbrochene Ausdehnung eines Weltmeeres. Er erstreckt sich von der Küste um Arthur River um die halbe Welt bis an die Ostküste Argentiniens.

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Mit diesem Wissen im Hinterkopf blicken wir hinaus auf das Meer und lassen uns in Gedanken von den Wellen bis nach Südamerika tragen, wo wir unsere Motorradreise in wenigen Monaten fortsetzten werden… doch das ist eine andere Geschichte.

Mit dem Erreichen von Arthur River nimmt auch unser Offroad-Abenteuer “Western Explorer” sein Ende. Es wird Zeit, den Wilden Westen Tasmaniens zu verlassen, wieder in die Zivilisation zurückzukehren und unseren Motorrädern, die vom weißen, selikathaltigen Sand der Piste der letzten Tage völlig eingestaubt sind, eine ordentliche Dusche mit dem Hochdruckreiniger zu verpassen.