Big in Japan – Besuch bei 24. Yokohama HotRod Custom Show

Sie gilt als eine der wichtigsten Shows, lockt Jahr für Jahr mehr Besucher in die sonst so aufgeräumte Stadt in der Tokyoter Bucht. Was ist dran an der Yokohama HotRod Custom Show und was macht sie so besonders?

Text und Fotos: Hermann Köpf, www.hermannkoepf.com

 

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Sonntag morgens um 8 Uhr öffnen die Tore und bereits eine Stunde später ist die Messehalle mit tausenden Besuchern gefüllt, wenn die Parade der Vorjahresgewinner und eingeladener Gäste als inoffizieller Startschuss der Show beginnt. Dann fahren die mehrheitlich amerikanischen Custombuilder auf ihren Chopper einmal quer durch die Halle, im Blitzlichtgewitter der internationalen Presse. Alles was Rang und Namen hat scheint für diese ‚few minutes of fame‘ anwesend zu sein.

Zweifelsohne ist die Mooneyes-Show die wohl bekannteste und wichtigste Custom-Messe der Welt. Bereits zum 24. kamen Umbauer aus aller Welt nach Japan gereist und präsentierten ihre Arbeiten. Insgesamt 15.000 Besucher konnten rund 300 Autos und 650 Motorräder inspizieren, Pinstripern bei der Arbeit zusehen oder sich an 270 Verkaufsständen mit Klamotten, Helme, Modellfahrzeuge und Schnickschnack aller Art eindecken. Eine Hand voll Surf-Bands spielen dazu über den ganzen Tag verteilt und sorgen für Unterhaltung, denn in dieser riesigen Messehalle ist es ansonsten angenehm entspannt – wie generell in der japanischer Öffentlichkeit.

Seit Jahren hat der Veranstalter schon Probleme mit den Anwohnern der Location, der  Pacifico Yokohama. Diese Messehalle liegt in der Downtown, einer gediegenen Gegend, die einer modernen Trabantenstadt gleicht. Mit Solidarisierungsaufkleberkampagnen versucht Ausrichter ‚Moon of Japan‘ bereits monatelang im Vorfeld Besucher zu sensibilisieren, möglichst leise und rücksichtsvoll zu sein, um die Show weiterhin stattfinden lassen zu können. ‚Save the Yokohama  HotRod- and Custom-Show‘ zierten die letztjährigen Stickers und für 2016, der Jubiläumsshow, wurde kürzlich der Slogan ‚Respect our Culture – Mamoroh‘ ausgelobt. Leider sollen Besucher deswegen auch nicht mehr mit ihren Motorrädern anreisen, was bei der Menge sicher sinnvoll erscheint, aber in früheren Jahren eine Show für sich war, wenn Horden schräger Bikes auf die Parklätze und in die Tiefgarage donnerten.

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Verantwortlich für das große Ansehen der Show sind in erster Linie die hohe Qualität der Umbauten japanischer Custom-Schmieden und natürlich die jahrelange Arbeit von Shige Suganuma, dem heutigen Inhaber der Firma Moon. Suganuma hat nach dem Tod von Dean Moon Anfang der 90er Jahre die Geschäfte übernommen, da er bereits als langjähriger Moon-Händler in Japan und als Freund der Familie Moon das traditionsreiche Business kannte: Der Kalifornier Dean Moon war seit den 40er Jahren als HotRodder auf den amerikanischen Salzseen unterwegs und galt als feste Größe bei Drag Races. Mit diesen Erfahrungen im Rücken war er in den 50er Jahren einer der ersten, der daraus ein Geschäftsidee entwickelte, mit seiner Firma ‚MOON Speed Equipment‘ Tuningteile produzierte und seine meist knallgelb und den ‚Moon Eyes‘ an den Fahrzeugen lackiert bei Shows und Rennen mitmischte. Moon‘s Marketing erreichte sogar jüngste Autofans, die alle die Dragster-Modellautos von Revell mit den lustigen Augenpaare haben wollten und so begeisterte Kunden von morgen wurden.

 

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Diese traditionsreiche USA-Japan-Verbindung zwischen den beiden Moon-Standorten ist auch Grund für die zahlreich teilnehmenden Customizer aus den Vereinigten Staaten. In früheren Jahren lugten Japans Umbauer ehrfurchtsvoll über den Pazifik, heute blickt die ganze Custom-Welt nach Japan. Die kompromisslosen und detailreichen Umbauten der japanischen Top-Builder zeugen von einer Qualität, die scheinbar keine Aufwandsbegrenzung kennt. Der Ideenreichtum und die meistens gelungenen Design-umsetzungen inspirieren Motorfreunde in aller Welt. Zwar sind die meisten Fahrzeuge klassische Chopper-Umbauten, aber mitunter sind auch interessante junge Schrauber mit ihren Kreationen herausgestochen, wie zum Beispiel die weinrote Honda CB750F von Takashi Nihira alias Wedge Motorcycle. „Der Rahmen ist an fast jeder Ecke modifiziert, damit ich diese niedrige und gerade Linie hinbekommen habe“, erklärt Takashi-San der vom Auspuff bis zum Tank alles selbst gebaut, aber eigentlich eine kleine Lackiererei in der Nähe von Tokio betreibt. Ebenso die Flat-Tracker Yamaha DT-1 mit dem roten und  handbeschriftetem Tank von Ako Motorcycles im Sonic-Weld ähnlichen Starrahmen mit Öl-Reservoir im vertikalen Rohr unterm Bates-Sitz – natürlich mit externer Füllstandsanzeige mittels transparentem Benzinschlauch. Auf den ersten Blick ein aus Onkel‘s Garage gezogener alter Zweitakt-Flat-Tracker, bei dem aber in Wirklichkeit nur der Motor alt und original ist – alles andere ist neu aufgebaut und auf Alt getrimmt.

 

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Herausgestochen sind auch die Bikes der Tokyoter Jurassic Customs, an denen nicht nur eine lange Schlange Fans vor deren T-Shirt Stand mit limitierter Sonderauflage wartete, sondern sich auch in den ohnehin schon raren Vincents, Indians und der KRAKEN-Harley mit Koslow-Zylinderköpfe staunende Gesichter spiegelten. Leider waren keine Preisschilder angebracht, aber ihre Umbauten sind bekannt dafür, solvente Inhaber auf den Sitzen zu tragen. Vor den Ständen von BratStyle, Hide, Hawg Holic und Red Hot Motorcycles waren ähnlich japan-style Umbauten zu sehen, allesamt mit neu aufgetragener Patina-Lackschicht und hierzulande zulassungsunfähiger Ausstattung.

 

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Weitere Besuchermagnete waren natürlich auch die Stände der amerikanischen Stars der Szene, deren Merchandise Verkauf dank Publikationen ihrer Showbikes in wichtigsten Magazinen nicht nur seit der BornFree-Teilnahme sicher einträglich waren. An der Poleposition Familie Stopnik mit ihren Cycle Zombies gefolgt von Mark Drews, Jason Webber, Tom Foster, Ryan Grossman, Andy Carter, Aki Sakamoto, Jeff Leighton, Arie van Schyndell und Oliver Jones. Selbst Carbuilder-Legende John d‘Agostino liess sich feiern, ebenso Skater-Guru Steve Caballero rollte per Skateboard durch die Galaxie. Harley-Davidson präsentierte sowohl Bikes ihres Händler-Wettbewerbs als auch des Street750 Contests mit fünf herausragenden japanischen Bikebuilder. Selbst die Bayerischen Motorenwerke hatten einen Stand, an dem sie die K1600-Umbauten von Kenji Nagai (Ken‘s Factory) und Keiji Kawakita (Hot Dock Custom Cycles) präsentierten. Kurzum: es wäre einfacher die Top-Builder zu nennen, die nicht in Yokohama vor Ort waren. Schlag 17 Uhr war der ganze Spuk wieder vorbei und die Meute zog genau so leise ab, wie sie kam.

Und so wird es auch wieder im kommenden Dezember sein, wenn zum 25. Jubiläum wieder das who-is-who nach Yokohama reisen wird und sich früh morgens mit verschlafenen Augen zur Parade aufreihen wird.

 

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